Petra Pfänder
Kalte Rosen
Ariadne Krimi 1158
ISBN 3-88619-888-X
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Dämonen in Beton

Für ihre große Liebe gibt Psychiaterin Klara Keitz ihr Leben in Dortmund auf und zieht nach Conil in Andalusien, um dort mit ihrem Partner eine Surfschule nebst Strandbar aufzumachen. Doch alle Träume platzen, und Klara steht plötzlich allein da. Nicht mal auf die Rückendeckung ihrer Freundin Camila kann sie zählen, denn die hat ganz offensichtlich mit eigenen Problemen zu kämpfen. Erst allmählich merkt Klara, dass hinter Camilas seltsamem Verhalten schlimme Geheimnisse stecken, die böse Folgen haben ...

Ein moderner Psycho-Krimi mit raffinierten Grusel-Effekten: Petra Pfänder schreibt bestechend einfühlsam und unwiderstehlich spannend.



Leseprobe

Etwas Fremdes beherrschte den Raum. Ein Geruch, ein Gefühl. Nichts Greifbares. Camila wusste nicht, was sie geweckt hatte, wagte nicht, sich zu bewegen, die Augen zu öffnen. Alle Instinkte signalisierten Flucht, aber sie horchte reglos in die Dunkelheit. Plötzlich erkannte sie den Geruch, der sauer und stechend im Raum hing: Angst. Fremde Angst.

Sie konnte nicht denken, nur fühlen, wie ihr Herz hämmerte und gegen die Rippen schlug. Das Blut dröhnte in ihren Ohren. Ihr Körper war starr, jeder Muskel, jede Sehne war angespannt, steif und vibrierend vor Angst. An ihren Füßen bewegte sich kaum wahrnehmbar die Matratze. Camila öffnete die Augen. Die Gestalt saß am Fußende des Bettes, ein schwarzer Schatten vor dem hellen Rechteck des Fensters.

»Endlich bist du wach.« Seine rechte Hand lag locker auf dem Laken und hielt ein Messer, dessen Klinge silbrig schimmerte.

»Was wollen Sie?« Camila setzte sich auf. Wie Eis sickerte das Bewusstsein in ihre Knochen, dass dies kein Traum war.

»Dich.« Der Fremde schob seine linke Hand unter das Laken auf ihren Unterschenkel. Ein Gefühl, als legte jemand einen kalten, klebrigen Lappen auf ihre Haut. Sie zuckte zurück und spürte die plötzliche Spannung, die durch seinen Körper lief. Er hob die Hand mit dem Messer, die Spitze auf ihren Hals gerichtet.

Wie ein kreischender Vogelschwarm zogen wirre Bilder durch ihren Kopf. Hass klumpte sich in ihrem Magen zusammen, breitete sich in ihrem Körper aus und verdrängte die Angst. Sie würde tun, was sie tun musste, aber sie würde sich nie wieder unterwerfen.

»Zieh dich aus!«

Seine Stimme ließ Camila zittern, doch sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Ohne die Augen von dem unbegreiflichen Schatten zu wenden, zog sie langsam ihr T-Shirt über den Kopf. Instinktiv wollte sie nach dem Laken greifen und sich trotz der Dunkelheit bedecken, aber sie wusste, dass ihn diese Geste anstacheln würde. Sie versuchte, ihrem Körper zu befehlen, lockerer zu werden. Es wirkte ein wenig, und der Mann spürte es. Sie konnte fühlen, wie er sich entkrampfte.

Sie musste ihn dazu bringen, mit ihr zu reden. Solange er mit ihr sprach, würde er sie nicht töten. »Warum sind Sie ausgerechnet zu mir gekommen?« Camila war überrascht, wie gelassen ihre Stimme klang.

Der Fremde schwieg. »Hast du dich über die Rosen gefreut?«, fragte er schließlich leise.

»Rosen?« Ihre Beine begannen unkontrolliert zu zittern.

An ihrem Geburtstag vor sieben Monaten hatte sie die erste gefunden, langstielig und dunkelrot hatte sie auf der Türschwelle gelegen.

»Sie waren wunderschön«, sagte Camila ruhig und versuchte, Muskeln und Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Nach dieser ersten hatte sie immer wieder Rosen gefunden, auf dem Fensterbrett, dem Terrassentisch oder vor der Tür. Ein schüchterner Fan, hatte sie mit einem vagen Gefühl der Bedrohung vermutet. Dann waren keine Blumen mehr gekommen, und sie hatte die Sache vergessen. Sieben Monate Besessenheit. Er musste sie beobachtet haben, die ganze Zeit. Es war das erste Mal seit einem Jahr, dass ihr Mann und ihre Tochter gleichzeitig über Nacht nicht im Haus waren.

»Lüg mich nicht an. Du hast sie jedes Mal weggeworfen«, schrie er. Seine Stimme vibrierte vor Wut.

»Aber ich fand sie schön, wirklich, nur…«

»Halt’s Maul jetzt, genug geredet.« Er hatte seine Haltung verändert, wirkte angespannt wie ein Raubtier vor dem Sprung, zögerte aber noch. Dann stand er auf, blieb vor ihr stehen und hielt ihr das Messer an die Kehle. Die rasierklingendünne Schneide lag kalt auf ihrer Haut. Mit der linken Hand griff er fest in ihre langen Haare. Sie spürte den metallischen Geschmack von Blut in ihrem Mund.

»Lass uns anfangen, Liebes!« Langsam bog er ihren Kopf nach hinten, näherte sich ihren Lippen. Sie konnte seinen Atem riechen. Mit der Klinge folgte er der Linie ihrer Brüste. Ihre Haut würde aufplatzen wie eine überreife Traube. Seine Augen, leere Höhlen in der Dunkelheit, saugten sich an ihrem Körper fest.

Der Schmerz trieb Camila die Tränen in die Augen, aber sie gab keinen Laut von sich. Sie musste die Kontrolle bekommen, dann konnte ihr nichts passieren. Langsam hob sie die Arme, öffnete die Knöpfe an seinem Hemd und streichelte mit den Fingerspitzen seine schweißnasse Haut. Gerade als sie glaubte, er würde ihr mit den Haaren die Haut vom Kopf reißen, lockerte er seinen Griff und ließ die Hand mit dem Messer sinken. Camila beugte sich vor und streifte seine Haut mit den Lippen. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern die straffen Muskeln auf seinem Bauch nach, glitt tiefer. Als sie sein leises Stöhnen hörte, folgte sie ihnen mit der Zunge, hörte auf zu denken.

* * *

Der Mann lag neben ihr, eingerollt wie ein Embryo, und versuchte, sich an sie zu schmiegen.

»Es ist vorbei«, sagte sie und lauschte dem Gesang eines Vogels, der weit weg von ihr erwacht war. »Gehen Sie. Kommen Sie nie wieder in meine Nähe.«

Er erwiderte nichts, blickte sie nur an. Im schwachen Licht des anbrechenden Morgens konnte sie den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen. Er stand auf und zog sich an. Ohne sich umzudrehen verließ er das Haus.

Das Laken unter ihr war kalt und nass. Sie roch und schmeckte ihn noch. Camila setzte sich auf, benommen wie nach einem tiefen Mittagsschlaf, und bewegte ihre verkrampften Schultern. Ihr Körper glühte, fühlte sich ausgelaugt an, als wäre sie zu lange durch die pralle Sonne gelaufen. Sie erhob sich, stellte sich unter die Dusche, putzte die Zähne, bis ihr Zahnfleisch blutete. Nass ging sie in den Garten, legte sich mit ausgebreiteten Armen auf die Wiese und ließ das Wasser auf der Haut trocknen. Langsam wurde es hell. Noch waren Sterne am Himmel zu sehen, verblassten aber im zunehmenden Tageslicht.


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Autorin/Bibliografie

Petra Pfänder, Jahrgang 1961, studierte Film-, Fernseh- und Theaterwissenschaften und Germanistik, bekam1990 eine Tochter, machte 1992 das Examen, arbeitete als freiberufliche Journalistin für Hörfunk und diverse Printmedien und co-kreierte den Internetauftritt der Stadt Dortmund. Ihr Debüt Die blaue Katze erschien 2003 und führte die Romanfiguren ein, die uns in Kalte Rosen erneut begegnen.