Brigitt Albrecht
Jeschek und Jones - Schwarz Weiß Schwarz
Ariadne Krimi 1152
ISBN 3-88619-882-0
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Afrikaner in Wien

Jeschek und Jones 2

Die junge Liebe zwischen Grafik-Designerin Martha Marix Jones und Kommissar Jeschek wird hart auf die Probe gestellt, als Martha mitbekommt, wie die Wiener Polizei mit Afrikanern umspringt. Deshalb zieht sie es vor, auf eigene Faust herumzuschnüffeln, als sie von dem Gerücht hört, dass Mitarbeiter einer befreundeten afrikanischen Botschaft mit Drogen dealen. Doch dann wird die Sekretärin der Botschaft ermordet und Jeschek mit dem Fall betreut ...


Leseprobe

»Frau Jones, bitte noch das R einfügen. Mühlendofer Straße gefällt mir nicht.« Herr Preissner, der Inhaber des Küchenfachgeschäftes, strich über den Flyer, prüfte die Qualität des Papiers. »Fühlt sich gut an, ich bin froh, dass wir uns für die teurere Variante entschieden haben.«
Marthas Ohren brannten. Der Druckfehler war ihr peinlich. »Oje, das bringe ich selbstverständlich in Ordnung. Soll ich Ihnen die Korrektur vorlegen, bevor gedruckt wird?«
Preissner lächelte, legte den Flyer in einen Ablagekorb und stand auf. »Nicht nötig. Setzen Sie das R bloß an der richtigen Stelle ein.«
Martha war ebenfalls aufgestanden. »Ich gebe mir Mühe. Mühlendrofer Straße wäre auch nicht das, was wir brauchen.«
»Wird der Flyer rechtzeitig geliefert?«
»Auf jeden Fall«, versprach Martha. »Wenn Sie möchten, direkt in die Messe.«
»Keine schlechte Idee. Ich notiere Ihnen die Standnummer.« Er schrieb sie auf einen Zettel. »Was machen Sie morgen, am Feiertag?«
»Wenn das Wetter so bleibt, gehen wir im Lainzer Tiergarten spazieren.«
»Hüten Sie sich vor den Wildschweinen«, warnte Herr Preissner. »Vor allem im Frühjahr, wenn die Jungen geboren sind, ist mit denen nicht zu scherzen.« Er warf ihr einen besorgten Blick zu. »Sie fahren öffentlich, nicht wahr? Ich hoffe, Sie müssen nicht zur U6? Wenn doch, passen Sie auf! In der Station Mühlendorfer Straße treibt sich Gesindel herum. Meine Gattin fürchtet sich vor den Ausländern.« Er schlug sich eine Hand vor den Mund. »Ausländer, Sie sind damit natürlich nicht gemeint! Die Engländer sind ein Volk von Tschenntelmännern und -frauen.«
»Mit Ausnahme von Jack the Ripper und einigen anderen.« Martha verstand seine Anspielung. Vor einer halben Stunde hatten drei Dealer bei der besagten U-Bahn-Station auf ihre Kunden gewartet. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich komme schon klar. Herr Preissner, der Flyer wird verlässlich geliefert.«
Er ging mit zur Tür, riss sie auf. »Kommen Sie gut nach Hause.«
Martha genoss die Wiener Höflichkeit. Vielleicht lag es daran, dass sie in Wien geboren war. An die ersten Jahre hatte sie kaum Erinnerungen. Auch nicht an ihren leiblichen Vater. Der war kurz nach ihrem vierten Geburtstag gestorben. Ihre Mutter, die Tochter des britischen Botschafters, war mit ihr nach England zurückgekehrt. Seit zwei Jahren lebte Martha wieder hier. Und es gefiel ihr gut. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Einer der Gründe war Simon Jeschek. Wenn die Wanderung morgen bloß nicht ins Wasser fiel. In letzter Zeit hatten seine Sondereinsätze etliche Pläne über den Haufen geworfen.
Die Ampel gegenüber der U-Bahn-Station stand auf Rot. Eigentlich stimmte der Name nicht. Man musste die Treppe hinaufsteigen, um zu den Zügen zu gelangen. Teile der alten Stadtbahn waren in das moderne Netz einbezogen worden. Die Fassade strahlte weiß, das Dach hatte das gleiche Grün wie die schmiedeeisernen Geländer mit dem Sonnenmotiv an den Bahnsteigen. Martha liebte Jugendstilbauten.
Endlich Grün. Sie wollte sich in Bewegung setzen, ein Wagen brauste noch über die Kreuzung. Die Höflichkeit der Wiener schien im Straßenverkehr außer Kraft gesetzt. Sollte sie vorzeitig aus dem Leben scheiden, kamen zwei Ursachen in Frage: Entweder wurde sie überfahren oder von herabfallenden Teilen einer Stuckverzierung erschlagen. Schönheit war vergänglich. Fast in jeder Gasse gab es eingerüstete Häuser, deren Fassaden überholt wurden.
Sie schaffte es heil auf die andere Straßenseite.
»Hallo, Martha, was machst du hier?«
»Maji! Schön, dich zu sehen.« Kennen gelernt hatten sie sich bei einer Feier, er war ihr auf Anhieb sympathisch gewesen. Er warf sich seinen bunten Stoffbeutel über die linke Schulter und streckte die Hand aus. Martha schlug ein. »Ich war bei einem Kunden, ein Stück die Straße runter. Und du?«
Maji ließ ihre Hand nicht gleich los. »Hast du vergessen? Wir machen das doch so!«
Der dreifache Handschlag. Zuerst wie allgemein üblich, Daumen dem Gegenüber entgegengestreckt, der zweite umgekehrt, der dritte wie der erste. »Den hast du mir am Tag der offenen Tür beigebracht. Deine Frage, ob ich auch aus Amani stamme, hat mich damals überrascht. Ich meine, bei meiner Hautfarbe…«
»Hast was dabei? Weißes? He, Alter, sprich mit mir, ich kann auch zahlen! Komm, lass mich nicht hängen, wenigstens ein Halbes.« Ein schlecht rasierter Mann in ausgetragener Militärjacke und zerrissenen Jeans hatte Maji am Ärmel gepackt.
Majis Augen wurden schmal, seine Mundwinkel begannen zu zittern. Er trat einen Schritt zurück, aber der Mann ließ ihn nicht los. »Lassen Sie mich in Ruhe. Ich verkaufe keine Drogen.«
»Was hast mit der Braut zu besprechen? Ich hab den Händedruck gesehen, da ist bestimmt was rübergegangen. Und mir willst du nichts verkaufen?« Mit der anderen Hand griff er in seine Jackentasche und förderte ein paar zerknitterte Zehn-Euro-Scheine zutage. »Also, was ist? Mein Geld ist so gut wie das von der da.«
»Bitte?« Martha kostete es einige Anstrengung, ruhig zu bleiben. »Was wollen Sie? Ich unterhalte mich mit einem Bekannten…«
»Und? Wir alle wissen, dass die Nigger Gift…«
»Dreinreden kann ich auch.« Ihr Ton war scharf geworden. »Er hat gesagt, er verkauft keine Drogen, geht das nicht in Ihren Schädel?«
Der Mann tippte an seine speckig glänzende Baseballmütze und versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen. »Ich hab ein Hirn da drunter. Und ich kenn mich aus. So, und jetzt sag mir den Preis, Alter.«
Maji schüttelte seinen Arm ab. »Lassen Sie mich in Ruhe! Komm Martha, wir gehen«, sagte er und steuerte zum Eingang der U-Bahn-Station.
»Behalt dein Zeugs, dreckiger Affe! Oder teilst es mit der Braut? Darfst dafür bei ihr abspritzen?«, schrie der Mann ihnen nach.


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Autorin/Bibliografie

Brigitt Albrecht, geboren in Solothurn, Schweiz. Studium der Fächer Deutsch, Englisch und Französisch an der Universität Bern, arbeitete als Sprachlehrerin in England, zurück in der Schweiz in einer Bibliothek und in einem Verlag. Lebt seit 1996 in Wien, schreibt Artikel für die Kriminalpolizei, die Fachzeitschrift der Vereinigung der Österreichischen Kriminalisten, und Krimis um das ungleiche Detektivpaar Jeschek und Jones.

Von Brigitt Albrecht bei Ariadne bisher erschienen:

Jeschek & Jones 1 – Wiener Blut (Ariadne Krimi 1144)

Jeschek & Jones 2 – Schwarz Weiß Schwarz (Ariadne Krimi 1152)